Damit die ganze Stadt zum Campus wird
Hochschule Ziel ist Studieren und Wohnen in Bauhausstadt. von Danny GitterWie holt man die Hochschule in die Innenstadt und vor allem, wie profitiert Dessau-Roßlau von den kreativen Potenzialen der Hochschüler? Das sind einige der Fragen, über die sich seit geraumer Zeit Lehrkräfte und Studierende der Hochschule Anhalt im Projekt "Stadt als Campus" Gedanken machen. Die Ausgangslage ist durchaus schwierig. Viele Studierende pendeln täglich nach Dessau. Auch deswegen sind die Studenten kaum sichtbar im Stadtbild. "Kreative Szenen haben eine Magnetwirkung und beleben die Stadt", sagt Brigitte Hartwig. "Durch das Pendeln geht sehr viel Potenzial für Dessau verloren", bedauert die Professorin für Design der Hochschule Anhalt. Das Projekt "Stadt als Campus" möchte dem langfristig entgegenwirken und Wohnen und Arbeiten in Einklang mit dem Kreativen bringen.
Die Ausgangslage, gerade in der Bauhausstadt, ist dafür gut. Die rasanten Veränderungen durch Wegzug, Stadtumbau und eine älter werdende Bevölkerung ermöglichen gerade Kreativen, allen voran den Designern, sich neue Berufsfelder zu erschließen. "Die Stadtentwicklung in ihren gravierenden Veränderungen muss anschaulich kommuniziert werden", so Hartwig. Aus diesem Ansatz möchten die Professorin und ihr Team langfristig neue Geschäftsfelder entwickeln. Studierende und Absolventen sollen so in die Stadt geholt werden und sich hier etablieren. Gleichzeitig braucht das aber auch neue Arbeitsmöglichkeiten. Hartwig denkt dabei an sogenannte "Coworking Spaces", an Bürogemeinschaften auf Zeit, wo sich zum Beispiel für einzelne Projekte Vertreter teils ganz unterschiedlicher Berufsfelder, zusammen finden und gemeinsam ein Produkt oder eine Dienstleistung entwickeln. "Wenn das nicht nur ein Strohfeuer ist, dann kommen und bleiben die Leute", setzt Hartwig auf Langfristigkeit. Engagierte fänden schließlich automatisch Nachahmer, ein Kreislauf käme in Schwung.
Doch soll das nicht alles nur graue Theorie bleiben. Erste praktische Umsetzungen hat die Hochschule schon in Angriff genommen. Das Projekt "VorOrt" ist solch ein erster Ansatzpunkt, um die Hochschule in die Innenstadt zu holen. Erst an der Museumskreuzung und aktuell in der Ratsgasse 1 versuchen Design-Studenten sich und ihre Kreativität in das städtische Leben einzubringen. Peter Weisbrich, der im vorigen Wintersemester im VorOrt-Team war und heute noch im Projekt "Stadt als Campus" involviert ist, sieht den Hauptzweck des "Kreativladens" in der Innenstadt erfüllt. "Das Problem war, dass das Bauhaus und die Hochschule ziemlich isoliert von der Stadt waren", so der Design-Student. Der VorOrt-Laden habe da zu einem Aha-Effekt auf beiden Seiten geführt. Raum zur Diskussion zu stellen. Viele Doppelstädter wiederum sind bis heute von den Potenzialen der Stadt überrascht.
Gerade in diesem Jahr hat sich da viel getan. Ein Radhotel wurde zur Diskussion gestellt, 1000 Gründe Dessau zu lieben gesucht und passende Souvenirs zur Stadt entwickelt. Für Hartwig ist VorOrt ein Anfang und der beste Beweis, dass Kommunikationsdesign nicht nur mit Drucksachen zu tun hat. "Die Studenten sind in Kommunikation mit den Bürgern richtig in Prozesse involviert", beobachtet sie. Ein paar Meter Luftlinie vom VorOrt-Laden entfernt, in der Schloßstraße, betreiben Agnes-Julia Zsikin und Anja Wolf die Galerie "Alma Refugium". Sie soll nur eine Etappe auf dem Weg zum großen Ziel eines Künstlerheims sein. Neu ist die Idee nicht. "Anfang des vorigen Jahrhunderts war die jetzige Stadtschwimmhalle ein Künstlerheim", so Zsikin.
Damit das Wort "Potenzial" nicht zur Worthülse verkommt, wollen Hochschule und Künstlerverbindung konsequent die kleinen Schritte zum großen Ziel gehen. Am Donnerstag tauschten sie sich auf der Podiumsveranstaltung "Dimensions of Stadt" in der Bauhaus-Aula mit Kreativen aus Leipzig, Berlin und Hamburg dazu aus.