Die nächste Streichrunde
An den Hochschulen in Sachsen-Anhalt herrscht Unruhe: Denn dieses Jahr wird eine Expertenkommission des Wissenschaftsrates, der die Bundesregierung und die Länder berät, alle Standorte im Land besuchen. Der Grund: Die Hochschulstruktur soll an sinkende Abiturienten-Zahlen angepasst werden. 2013 wird eine entsprechende Empfehlung vorgelegt. Julia Klabuhn hat mit der Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Birgitta Wolff (CDU) über mögliche Streichungen gesprochen.
Frau Wolff, die Hochschulen im Land sind in Aufruhr wegen der anstehenden Begehung durch Experten des Wissenschaftsrates. Werden die daraus resultierenden Veränderungen ähnlich tiefgreifend sein, wie bei der letzten Strukturreform 2004?
Wolff: Im Unterschied zu 2004 gehen wir jetzt ganz anders an die Thematik heran. 2004 kam die Debatte ja auf die Hochschulen eher als eine Zehn-Prozent-Einsparung zu. Es wurde aber kaum eine Profildiskussion geführt, jedenfalls nicht so konsequent und unter Einbeziehung aller Bereiche der Hochschulen. Diese Diskussion wollen wir jetzt führen.
Dieses Mal soll also alles anders werden?
Wolff: Wir haben mit den Hochschulen vereinbart, und das Kabinett hat dem per Beschluss zugestimmt, dass wir mit Blick auf die Zeit nach dem Jahr 2020 tatsächlich gemeinsam mit den Hochschulen eine Profildiskussion führen wollen. Und in den Rahmenvereinbarungen mit den Hochschulen ist festgelegt, dass wir dazu einen externen Impuls einholen wollen. Um diesen Impuls haben wir den Wissenschaftsrat gebeten, weil dieser eine auch von der Wissenschaft akzeptierte Einrichtung ist.
Welche Schwerpunkte wird der Wissenschaftsrat bei seiner Begutachtung setzen?
Wolff: Wir haben das Expertengremium gebeten, sich insbesondere auch die Geisteswissenschaften anzuschauen, die sogenannten Kleinen Fächer, die Lehramtsstudiengänge, aber auch noch einmal die Ingenieurwissenschaften. Die Medizin wird ausgespart, weil die Medizin in Halle 2013 ja noch einmal separat vom Wissenschaftsrat begutachtet wird. Ebenfalls nicht so im Vordergrund stehen beispielsweise die Wirtschaftswissenschaften und die Rechtswissenschaften.
2004 sollten zehn Prozent gekürzt werden, jetzt ist angeblich von 20 Prozent die Rede. Stimmt die Zahl?
Wolff: Ich hoffe, dass das übertrieben ist. Es gibt natürlich entsprechende Eckwerte aus den mittelfristigen Haushaltsplanungen des Finanzministeriums. Aber diese Eckwerte sind eine Planungsgrundlage, das ist nicht das letzte Wort. Die Hochschulen werden uns einen Plan anbieten, mit dem sie sich selber noch einmal ein schärferes Profil geben, das auch demografiefest ist.
Das heißt?
Wolff: Man muss sich mit hinreichendem Vorlauf überlegen, von welchen Erstsemesterzahlen, aber auch, von welchen Zahlen wir zum Beispiel in Weiterbildungsstudiengängen ausgehen können. Daraus kann man Prognosen ableiten, sowohl über die Fächer, als auch über die Forschungsbereiche und die Zahl der Studienplätze, die gebraucht werden. Für die Hochschulen ist es wichtig, dass die entsprechenden Strukturveränderungen so ausfallen, dass sie auch dahinterstehen können. Und dass diese Veränderungen mit einem vernünftigen zeitlichen Vorlauf eingeführt werden. Denn Hochschulen können nicht von jetzt auf gleich umsteuern.
Müssen im Zuge der Strukturveränderung auch ganze Fächer geschlossen werden?
Wolff: Eigentlich wollen wir genau das vermeiden. Der Rektor der Uni Halle, Udo Sträter, hat eine sehr gute Devise ausgegeben, die lautet: Kleine Fächer werden dadurch stark, dass sie sich zusammentun. Gerade innerhalb der Uni Halle mit den relativ vielen Kleinen Fächern, die dort vertreten sind, aber auch in Zusammenarbeit mit den Unis in Jena und Leipzig gibt es da ein großes Potenzial.
Fächer wollen Sie nicht schließen, heißt das, dass auch alle Hochschulen in Sachsen-Anhalt erhalten werden können?
Wolff: Ob man die Hochschule Merseburg und die Uni Halle irgendwie zusammenziehen kann, oder ob man am Standort Magdeburg Teile der Fachhochschule mit der Uni fusionieren kann, das sind alles Fragen, die sich der Wissenschaftsrat anschauen soll. Gemeinsam mit den Hochschulen soll er uns dazu Vorschläge unterbreiten. Diese Zusammenarbeit hat ja bereits begonnen. Gerade die Hochschule Merseburg und die Uni Halle pflegen zum Beispiel im Bereich Chemie schon zahlreiche Kooperationen. Und die Hochschule Magdeburg und die Uni kooperieren auch auf etlichen Feldern, bis hin zu gemeinsamen Studiengängen.
Kooperation, das klingt so harmonisch. Derzeit hat man aber eher das Gefühl, dass dieses Thema mit großen Ängsten behaftet ist...
Wolff: Aber das ist doch normal. Jede Veränderung birgt zwar Chancen, aber gerade in Deutschland wird sie häufig eher als Bedrohung angesehen, weil wir ja mit dem Status quo so unglücklich gar nicht sind. Und deswegen haben wir die anstehenden Veränderungsprozesse diesmal wirklich breit angelegt und wollen sie mit allen Beteiligten breit und intensiv diskutieren. Niemand soll dabei "überfahren" werden.