Was ist exzellent?
Erziehungswissenschaften Forscher aus Halle und Freiburg werben 2,2 Millionen Euro ein, um "Mechanismen der Elitenbildung" in Schulen und Unis zu untersuchen. von Julia KlabuhnManche Namen erfahren einen erstaunlichen Wandel bezüglich der Assoziationen, die man hat, wenn man sie hört. Zum Beispiel Pisa. Während vor gut zehn Jahren die meisten Menschen an einen schiefen Turm dachten, wenn von Pisa die Rede war, ist der Name der italienischen Stadt heutzutage fast untrennbar mit der Bildungsstudie gleichen Namens verbunden - und mit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler, vor allem in den Anfängen.
Dieser sogenannte Pisa-Schock sei einer der Gründe, warum in Deutschland die Diskussion um Exzellenz und Eliten (wieder) in Mode gekommen sei, sagt Heinz-Hermann Krüger. Der Professor für Pädagogik an der Uni Halle befasst sich seit langem schon mit Bildungs- und Schulforschung. Nun ist der Wissenschaftler Sprecher einer neuen Forschungsgruppe mit dem Namen "Mechanismen der Elitenbildung". Sechs Teilprojekte der Uni Halle, des Instituts für Hochschulforschung Wittenberg (HOF) und der Uni Freiburg werden zunächst drei Jahre lang von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit insgesamt 2,2 Millionen Euro gefördert.
Nach Angaben von Krüger werden damit allein in der Region Stellen für zwölf Wissenschaftler und 30 studentische Hilfskräfte geschaffen. "Projekte dieser Größe sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften eher selten", sagt Krüger. Entsprechend aufwendig war die Bewerbung: zweieinhalb Jahre habe die Forschergruppe bis zum Erfolg gebraucht.
Inhaltlich wollen die Wissenschaftler - Pädagogen und Soziologen - auf aktuelle Diskussionen im Bildungswesen um Exzellenz, Eliteuniversitäten und Hochbegabtenförderung untersuchen. Und zwar, wie Krüger betont nicht als Verfechter des Elitegedankens, sondern mit dem unabhängigen Blick des Wissenschaftlers. "Wir verstehen uns nicht als Politiker, die Elitebildung vorantreiben wollen, sondern als Forscher, die empirisch deren Mechanismen und Auswirkungen untersuchen", sagt Krüger.
Eine der Hypothesen im Forschungsverbund ist, dass es im Bildungswesen im Spannungsfeld zwischen Egalität und Exzellenz eine Verschiebung zugunsten der Exzellenz gibt. Und zwar nicht nur an weiterführenden Schulen und Hochschulen, sondern immer mehr auch im Kindergarten- und Grundschulbereich. Je ein Teilprojekt beschäftigt sich folglich mit dem Bereich Elementarbildung, mit Grundschulbildung, mit Gymnasien, mit "Peer-Groups", also der Deutungsmuster von Exzellenz unter Jugendlichen, und mit Hochschulen.
Das Interesse der Wissenschaftler sei es unter anderem herauszufinden, wie Eltern und Jugendliche Bildungsinstitutionen auswählen, wie also die Adressaten der Bildung mit der Exzellenzdiskussion umgehen. Je mehr Schüler eines Jahrgangs dabei ein Gymnasium besuchten, desto stärker stelle sich die Frage, welche Schule ausgewählt wird, und nicht, ob man überhaupt zum Gymnasium geht. Dies hat gleichzeitig Auswirkungen auf die Bildungsinstitutionen. Denn mit aufgrund der Demografie sinkender Schülerzahl werde die Konkurrenz zwischen den Schulen um ihren Erhalt immer härter, so Krüger. Immer mehr Schulen, aber auch die übrigen Bildungseinrichtungen, suchten deshalb ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Krüger.
In der Regel werden die Forschergruppen von der DFG um weitere zwei bis drei Jahre verlängert. Die Wissenschaftler können deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach auch Längsschnittuntersuchungen unter Schülern und Hochschülern vornehmen, diese also zu verschiedenen Zeitpunkten ihrer Bildungskarriere befragen. Im Mittelpunkt des Interesses: der Bildungsweg und die Frage, ob Bildungseinrichtungen, die sich als exzellent bezeichnen oder als solche gelten, wirklich exzellente Absolventen hervorbringen. Letztlich geht es auch um die Frage, wie Elite in der Gesellschaft gesellschaftliche konstruiert, also in Diskussionen als Begriff geschaffen wird. Und darum, ob die Rede von der Exzellenz in einigen Jahren immer noch so in Mode ist, wie heute.